Dipo verdrehte die Augen gequält zum Himmel.
Konnte man ihn nicht einmal in Ruhe lassen?
Seufzend watschelte er an den Rand des hohen Turmes auf dem er wohnte, sah schaudernd in die Tiefe, breitete die Flügel aus und ließ sich fallen.
Er hasste es zu fliegen.
Er hasste es wirklich.
Natürlich ist das ungewöhnlich für einen Vogel, aber Dipo war eben kein gewöhnlicher Vogel.
Er war ein Asphaltpapagei.
Wer sich jetzt allerdings einen wunderschönen, bunten Vogel vorstellt, der mit eleganten Flügelschlägen durch die Lüfte fliegt, der irrt sich so gewaltig wie jemand, der glaubt, die Erde wäre eine Kugel.
Dipo hatte die Größe einer Gans.
Doch sein Körper war viel fetter.
Federn suchte man, abgesehen von einigen, ganz winzigen an seinem Hinterkopf, vergebens.
Er hatte eine lederige, faltige Haut, die noch viel faltiger gewesen wäre, wäre er nicht so fett gewesen.
Auf den ersten Blick sah diese Haut grau aus, doch im Sonnenlicht hatte sie einen leicht irisierenden Schimmer in allen Regenbogenfarben.
Er hatte einen langen, krummen, bananenförmigen Schnabel und an den Füßen gebogene Greifzehen.
Hübsch konnte man ihn nicht nennen.
Und nun flog er mit mühsamen Flügelschlägen durch die Straßenschluchten auf der Suche nach dem Unglücklichen, der ihn durch einen unbewussten Hilfeschrei gerufen hatte.
Dipo war ein weiser Vogel und es gab nichts, was er nicht wusste.
Und er war stets (wenn auch widerstrebend) gewillt, einem armen Menschen mit Rat (wenn auch nicht mit Tat) zur Seite zu stehen.
Leider hatte er die Angewohnheit sich unklar und nebulös auszudrücken und so kam es (wenn auch selten) schon mal vor, dass er einem Verzweifelten durch seine orakelhaften Sprüche solche Flausen in den Kopf setzte, dass dieser auf der Stelle aus dem Fenster sprang.
Jetzt hatte Dipo gefunden was er gesucht hatte.
Auf dem schmalen Sims unter dem Fenster, hoch oben im 412. Stockwerk (für so etwas hatte er ein Auge) stand ein Mann.
Mit einer Hand hielt er sich am Fensterrahmen fest, der Wind blähte sein Hemd auf wie ein Segel und er hatte sich nach vorne gebeugt und sah hinunter auf die Strasse, die sich mehr als einen Kilometer unter ihm dahinzog und auf der sich winzige, kaum mehr wahrnehmbare Autos langsam vorwärts quälten.
Keuchend landete der dicke Vogel neben dem Mann auf dem schmalen Sims, hätte beinahe das Gleichgewicht verloren, fand dann doch noch Halt und klappte seine Flügel ein.
Er wischte sich mit einer Flügelspitze den Schweiß von der Stirn.
"Langsam werde ich zu alt für diesen Scheiß." sagte er mehr zu sich selbst, dann sah er zu dem Mann empor, der sich ängstlich zur Hälfte wieder ins Zimmer zurückgezogen hatte.
"Du brauchst vor mir keine Angst zu haben." sagte er Dipo "Ich bin hier um dir zu helfen. Du hast mich gerufen und hier bin ich."
"Ich kann mich nicht erinnern dich gerufen zu haben." antwortete der Mann verbittert "Also hau wieder ab und lasse mich tun, was ich tun muss."
"Na na na. Dein Hilferuf erfolgte auf einer spirituellen Ebene, zu der du keinen Zugang hast, aber für mich war er so deutlich als hättest du neben mir gestanden..."
"...was mir ehrlich gesagt viel lieber gewesen wäre, weil es mir diesen mühsamen Flug hierher erspart hätte." beendete Dipo den Satz in Gedanken.
Der Mann schüttelte den kopf.
"Als ob die ganze Misere nicht schlimm genug wäre. Jetzt stehe ich hier oben und rede mit einer fetten, federlosen Gans."
Dipo blähte beleidigt seine Backen auf und überlegte einen Augenblick ob er nicht doch wieder heimfliegen und eine Stunde schlafen sollte.
Doch dann zuckte er resignierend seine nicht vorhandenen Achseln.
"Was hast du denn für ein Problem? Manchmal hilft es schon, nur drüber zu reden."
"Also gut“, sagte der Mann "anders werde ich dich ja doch nicht wieder los."
Dipo nickte.
"Es ist so..." Der Mann setzte sich vorsichtig, um nicht abzustürzen, auf die Fensterbank "...ich bin am Ende. Ich habe meinen Job verloren, ich musste mein Auto verkaufen, ich habe kein Geld mehr. Meine Freundin hat heute Geburtstag und ich habe weder ein Geschenk noch kann ich sie zum Essen einladen. Das ertrage ich nicht. Diese Schande ist zuviel für mich."
Dipo glaubte es fast nicht.
Wegen solcher Lappalien holte man ihn aus seinem Nest?
Hetzte ihn quer durch die Stadt?
Musste er sich Beleidigungen gefallen lassen.
Er schüttelte seinen unförmigen Kopf.
"Ich verstehe, dass du etwas durcheinander bist und keinen Ausweg siehst. Aber es gibt immer einen Weg.
Wenn du keinen Job hast kannst du morgens länger schlafen.
Wenn du kein Auto hast, dann fahre mit dem Bus.
Wenn du kein Geld für den Bus hast, dann gehe zu Fuß.
Wenn du kein Geschenk für deine Freundin kaufen kannst, dann bastel etwas für sie. Oder schreibe ihr ein Gedicht, ein Lied.
Und wenn du sie nicht in ein Restaurant ausführen kannst, dann koche hier bei dir zuhause für sie.
Frauen mögen so etwas.
Es zeigt ihnen, dass du nicht nur im nächstbesten Geschäft ein seelenloses Parfum kaufen kannst, sondern dir Gedanken gemacht und etwas ganz persönliches geschaffen hast. Etwas Einzigartiges."
Der Mann nickte.
"Hm...ich glaube du hast Recht. Ich werde hier für sie kochen. Das wird ihr tatsächlich gefallen."
Er sah Dipo an.
"Du hast mir wirklich geholfen. Ja...du glaubst gar nicht wie sehr."
Hätte Dipo Federn gehabt, hätte er sich vor Stolz aufgeplustert.
"Na, dann kann ich ja jetzt wieder heim. Ich wünsche dir einen schönen Abend mit deiner Freundin."
Und es wurde wirklich ein schöner Abend.
Vor dem Essen trug der Mann seiner Freundin das selbstgeschriebene Gedicht vor und überreichte ihr eine in Schönschrift gehaltene Ausfertigung desselben.
Nach dem Essen saßen sie gemeinsam auf dem Sofa und kuschelten.
"Das war der schönste Geburtstag meines Lebens." schwärmte die Frau.
"Hat dir das Gedicht gefallen?" fragte er.
"Natürlich." antwortete sie und gab ihm einen Kuss.
"Und das Essen?"
"Es war herrlich. Ich liebe Gänsebraten. Zwar war die Haut etwas lederig, aber das Fleisch war einfach lecker."
Der Mann dachte kurz an Dipos Worte:
"Es gibt immer einen Ausweg."
Dann lächelte er, legte einen Arm um seine Freundin und blickte voller Hoffnung in die Zukunft.

4 x kommentiert:
ach du shayze, hat er den armen dipo gegrillt :-)
übrigens bin ich lautern-fan!
Na dann viel Glück morgen gegen Hannover.
Für den Kohlenpott sah es ja ganz gut aus. Schalke 5:0 und Dortmund 4:1 gewonnen.
Und ja...der arme Asphaltpapagei...
*seufz*
Weiss nicht, ob ich dich das schon fragte...(mein Gedächtnis ist nicht mehr das Beste) bist du eigentlich bei Facebook aktiv?
bin bei facebook (anfrage ist unterwegs), twittere, liebe instagram...
Habe ich bereits angenommen...
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