Nachdem ich ihn jetzt längere Zeit nicht mehr besucht hatte, dachte ich gestern, so vor dem Einschlafen, dass es doch nicht schaden könnte, ihm mal wieder auf die Finger zu sehen.
Denn es ist nie gut, den Dingen zu lange ihren Lauf zu lassen ohne gewisse Kontrollen und speziell bei ihm ist das oft genug erforderlich.
Die Rede ist von meinem Gehirnwartungsexperten, diesem kleinen Genie, das sich nach wie vor um die internen Vorgänge in meinem Hirn kümmert, um die zu kümmern ich weder Zeit noch Lust habe.
Leider passiert das selten in der von mir gewünschten aufopferungsvollen Art und Weise.
Aber, so argumentiert er gerne, er wisse gar nicht was ich wolle, denn immerhin würde ich noch leben und das hätte ich einzig und alleine ihm zu verdanken.
Und auch wenn ich es ihm gegenüber niemals zugeben würde, da ist natürlich etwas dran.
Ich lag also ganz entspannt im Bett, klappte die Augen zu und begab mich mal wieder in die unendlichen Weiten dieses aus 10^11 Zellen bestehenden Klumpen, den man teilweise auch als Gehirn bezeichnen könnte.
Normalerweise ist es wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen, wenn ich versuche diesen kleinen Tausendsassa zu finden aber dieses Mal entdeckte ich ihn schon nach wenigen Minuten und das war nicht die einzige Sache, die mich entsetzte.
Er hockte auf einer Gewebeausstülpung, schüttelte immer wieder langsam den Kopf, murmelte leise irgendwas in seinen 12-Tage-Bart und schien mich gar nicht zu bemerken.
"Sag mal..." ereiferte ich mich "Du siehst ja aus wie ein Penner. Was ist los mit dir? Und warum sitzt du hier rum? Hast du keine Drüsenfunktionen zu kontrollieren? Oder meinen Hormonhaushalt zu justieren? Oder was auch immer sonst zu tun?" stellte ich ihm 5 Fragen auf einmal.
Er sah mich nur an, seufzte tief und vernehmlich und schüttelte wieder den Kopf.
Langsam bekam ich Angst.
Denn ein verzweifelter Hirnwartungsexperte ist so ziemlich das Letzte, was man haben möchte.
"Was ist los?" fragte ich ein zweites und dann auch noch ein drittes und viertes Mal.
"Gar nix ist los." sagte er und sah wieder zu Boden.
Ich geriet in Panik.
"Du kannst es mir ruhig sagen..." stammelte ich und hielt mich in Erwartung einer niederschmetternden Nachricht an einigen Nervensträngen fest "Habe ich Hodenkrebs? Hirnschwund? Rückenmarkserweichung?"
"Nein, mit dir ist alles in Ordnung..."
"Aber wieso bricht mir gerade der kalte Schweiß aus? Und ich glaube meine Leber drückt. Ist es die Leber? Es ist die Leber, ich weiss es." kreischte ich und sprang auf, zum Äußersten entschlossen.
"Bleib mal ruhig und halt die Füße still." sagte er und rollte angewidert mit den Augen "Ich hab ne Winterdepression, das ist alles."
Mir blieb für ein paar Sekunden der Atem weg, dann ging ich in die Luft und knallte unter meine eigene Schädeldecke.
"DU TICKST WOHL NICHT MEHR RICHTIG!!!" brüllte ich, dass mir der Kopf dröhnte "Ne Winterdepression. Und mich lässt du in dem Glauben, ich würde jeden Moment sterben."
Er zuckte nur mit den Schultern.
"Eine Winterdepression. Du kriegst hier drin doch gar nix vom Winter mit. Bist du etwa 3 Mal ausgerutscht und auf den Arsch gefallen? Hast du gefroren wie ein Schneider? Musstest du in aller Herrgottsfrühe wie ein Sklave vor dem Haus den Schnee schippen?"
"Nö...musste ich nicht."
"Dann reiss dich auch zusammen, du Memme."
Jetzt wurde er langsam stinkig.
"Hör mir mal gut zu..." zischte er "DU bist doch schuld an Allem. Nur weil du STÄNDIG über diesen SCHEISSWINTER gejammert hast, über den Schnee und die Kälte und weil du Aua-Aua hattest, weil du zu blöd zum Laufen bist, lebe ich seit 2 Monaten in diesen negativen Gehirnschwingungen. Das hat auf mich abgefärbt."
"Ja ja, klar..." versuchte ich es herunterzuspielen "Ich habe es mal wieder verbockt. Ist ja nix Neues."
"Eben..."
"Und jetzt? Hockst du hier und bedauerst dich, bis ich tot überm Zaun hänge?" fragte ich.
"Ähm...NEIN. Aber dafür müsstest du etwas für mich tun."
"Ach, und das wäre?"
"Nun ja...es gibt doch da solche Pillen. Davon wirfst du dir eine Handvoll ein und ich zapf mir hier ab, was ich brauche."
"Abzapfen?" fragte ich misstrauisch "Wie habe ich mir das vorzustellen?"
Er zog eine riesengroße Spritze aus der Kitteltasche.
"Ich hau die Spritze irgendwo rein und..."
"Schon gut, ich wills gar nicht wissen."
"Dann frag nicht..."
"OK." sagte ich nach einigem Nachdenken "Morgen früh. Punkt 8:00 Uhr. Da habe ich eh was zu feiern."
"Danke." sagte er und drehte mir ohne ein weiteres Wort den Rücken zu.
Und vorhin, 8:00, habe ich ein paar von den großen, roten Pillen geschluckt und seitdem grinse ich so vor mich hin.
Der Himmel färbt sich langsam rosa und was kümmert mich der drohende Weltuntergang?
Gerade fühlte ich ein leises Pieksen in meinem Kopf und ich denke (sofern man das noch Denken nennen kann) meinem kleinen Gehirnwartungsexperten gehts auch wieder gut.
Hach ja, was kostet die Welt?
"Herr Ober...einen Martini bitte..."

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