Montag, 23. Januar 2012

Hormone

Bähh...4.00 Uhr.

Und ohne dass die geringste Notwendigkeit besteht bin ich schon wieder wach.

Und mit wach meine ich jetzt nicht, dass man sich mal eben zwischen den Beinen kratzt, eine bequemere Position sucht um anschließend noch einen kleinen Abstecher nach Slumberland zu machen.

Auch nicht, dass man ohne die Augen richtig zu öffnen und ohne Licht anzuknipsen mal eben zum Klo schlurft, dort tut, was man dort eben tun muss und dann wieder ins Bett fällt und wenn man so gegen 10 am Frühstückstisch sitzt, hat man die Sache bereits wieder vergessen.

Ich meine mehr die Art Wachsein, von der man behauptet, sie sei die Ursache dafür, dass man sich wie ein Turnschuh fühlt und man könne Bäume ausreißen.

Ich sollte erwähnen, dass ich früher, also bis etwa zum letzten Sommer, diese Schlafstörungen regelmäßig hatte. Dann regulierte es sich, ich legte eine längere Phase ein, in der ich ein (fast) normales Schlafverhalten an den Tag legte.

Hm...wäre "an die Nacht legte" in diesem Zusammenhang vielleicht angemessener?

Aber dann, zuerst mehr sporadisch dann immer regelmäßiger, ist es wieder zur Gewohnheit geworden, dass ich, obwohl erst gegen 1 oder 2 Uhr eingeschlafen, bereits um 5 wieder wach werde.

Da konnte ich mich auch umsehen, wie ich wollte, darüber nachdenken, mein Leben analysieren, allein die zündende Idee, wen oder was ich dafür verantwortlich machen könnte, blieb aus.

Zu guter Letzt besuchte ich meinen alten Freund und Gehirnwartungsexperten, den kleinen Mann, der da irgendwo (nicht in meinem Ohr) in mir wohnt und sich um meine internen Belange kümmert, um die zu kümmern ich zu faul oder gar nicht in der Lage bin.

Wie immer musste ich den kleinen Burschen erstmal suchen, denn alles Rufen nützt bei ihm nichts, er ist da stur wie ein Esel und ziert sich wie eine Diva.

Er will gefunden werden.

Und so machte ich mich, wie schon so oft, auf den Weg und suchte nach ihm.

Ich suchte zwischen Neuronen und Synapsen, hinter Drüsen und Zellverbänden, hob Nervenbahnen an um darunter zu sehen, rief in leere Bereiche meines Hirns und so viel Mühe ich mir auch gab, ich fand ihn einfach nicht.

Zuletzt fiel mir ein, dass er immer besonders gerne in meinen Top-Secret-Erinnerungen stöberte und sich auch gerne mal in der Abteilung "Verdrängt zur eventuellen späteren Wiedervorlage" aufhielt.

Ich wanderte also durch lange Hallen, vollgestopft mit Regalen, in denen verstaubte Kartons standen, Kartons teilweise ohne, teilweise mit nichtssagenen Aufschriften, und als ich mich gerade ermüdet auf eine Ausstülpung gesetzt hatte um auszuruhen, tippte mir jemand auf die Schulter.

Ich zuckte kurz zusammen.

Und da stand er vor mir. Bzw hinter mir.

Er hatte seinen weißen Kittel mit einem grauen vertauscht, ein Zeichen dafür, dass er Hausmeisterarbeiten erledigte.

"Na..." fragte er "was machst du schon wieder hier?"

"Ich suche dich." antwortete ich.

"Das denke ich mir." sagte er und vergrub seine Hände tief in seinen Kitteltaschen. "Was ist den los?"

"Ich frage mich, ob hier alles ok ist. Speziell ob was mit den Drüsen nicht stimmt und die Schlafhormon-Ausschüttung irgendwie nicht mehr richtig funzt."

"Keine Ahnung." sagte er. Dann kratzte er sich am Hinterkopf. "Wars das?"

"Oh nein, mein Lieber, das wars nicht."

Jedes Mal ärgere ich mich über den frechen Kerl. Immerhin bin ich noch der Boss.

"Wir gehen jetzt mal gemeinsam hin und sehen nach, klar?"

"Wenn es sein muss...dann bleibt der Staub eben hier wo er ist, aber beklage dich anschließend nicht, dass es hier aussieht wie Sau." kam es mürrisch von ihm.

Er drehte sich um und trottete los.

An der Zirbeldrüse angekommen sah er sich eine lange Zeit die Anzeigen an.

"Mann Mann Mann..." sagte er dann.

"Was ist los?" fragte ich besorgt.

"Mann Mann Mann..." wiederholte er.

"Ich will wissen was dieses Mann Mann Mann zu bedeuten hat..." schnauzte ich, eine aufkommende Panik niederkämpfend.

"Ich versuche es mal so auszudrücken, dass du es auch verstehst. Sozusagen für Laien."

Er grinste mich unverschämt an.

"Wir haben hier zwei Möglichkeiten. Die erste wäre, du ernährst dich falsch. Deshalb fehlt dir Tryptophan, woraus tagsüber Serotonin gebildet wird und daraus dann nachts Melatonin."

"Aha..." sagte ich und muss dabei ein ziemlich blödes Gesicht gemacht haben denn "Das Schlafhormon." fügte er gleich hinzu.

"Meinste das hab ich nicht gewusst?" fragte ich angesäuert worauf er mit der Hand nur müde abwinkte.

"Und die zweite Möglichkeit?" fragte ich.

"Du findest einfach keine Ruhe, weil dich irgendwas sehr stark beschäftigt. Keine Ahnung was das ist. Das weißt du besser. Liebeskummer, Existenzängste, seelische Belastungen, zu viele Gedanken über Dinge, die dir nicht gefallen, die aber kommen weil du sie nicht ändern kannst. Such dir was aus, die Liste der Möglichkeiten ist unendlich lang." sagte er mit einem Schulterzucken.

"Hmmm..." hmmmte ich. "Liebeskummer...du spinnst doch..."

"Hier ist jedenfalls alles in Ordnung, die Drüse läuft auf Automatik. Kann ich jetzt wieder an die Arbeit gehen?" fragte der kleine Gehirnwartungsexperte.

"Ja ja, geh nur." sagte ich geistesabwesend. "Und danke für deine Mühe."

Aber er war schon hinter der nächsten Ecke verschwunden.

Nachdenklich machte ich mich auf den Rückweg.

"Na prima..." dachte ich "...das lässt mir erstmal keine Ruhe und dadurch habe ich der Liste der Dinge, die mich am Schlafen hindern noch eine Sache hinzugefügt. Na prima."

Aber was soll ich machen?

Es ist, wie immer, ein Teufelskreis.

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