Kürzlich hielt ich es mal wieder für angezeigt, meinen persönlichen Hirnwartungsexperten aufzusuchen.
Diesen kleinen Kerl, der sich in den unendlichen Weiten meines Gehirns herumtreibt und all die Dinge in Gang hält, um die ich mich selbst nicht kümmern will.
Zu seinen Aufgaben gehört es z.B. die Hormonausschüttung zu steuern, meine Erinnerungen zu verwalten, Atmung, Herzschlag und andere Organfunktionen zu überwachen und nötigenfalls regulierend einzugreifen.
Und das macht er ganz hervorragend, auch wenn ich ihm dann und wann auf die Finger klopfen muss, denn allzu oft überschreitet er seine Kompetenzen und schlägt mir gegenüber gerne einen respektlosen und unverschämten Ton an.
Nichtsdestotrotz wäre ich ohne ihn aufgeschmissen und das weiss er dummerweise auch, obwohl ich es ihm gegenüber niemals zugeben würde.
Ich fand ihn nach langem Suchen in einer der endlosen Hallen, in denen meine Erinnerungen aufbewahrt werden.
Bis zum Horizont (und noch darüber hinaus) ziehen sich unzählige Reihen von Regalen hin und in diesen wiederum lagern Millionen und Abermillionen von staubigen Kartons, die zum größten Teil so schlampig beschriftet sind, dass ich deren Inhalt nicht einmal ahnen kann.
Er stand dort, hatte einen Karton geöffnet und amüsierte sich beim Betrachten einer offensichtlich für mich total peinlichen Erinnerung.
"Was siehst du dir denn da an?" fragte ich relativ ungehalten.
Er ließ die Erinnerung zurück in den Karton fallen, klappte den Deckel zu und drehte sich um.
"Och...gar nix." sagte er und grinste mich an.
"Los, raus mit der Sprache. Du grinst doch nicht deshalb so dämlich, weil du dir Opas Beerdigung angesehen hast."
"Nein, würde ich nicht. Auch wenn ich es ziemlich witzig fand, wie du hinter dem Sarg hergelaufen bist und in Hörweite deiner Oma von einem Film erzählt hast, in dem jemand für fiese Experimente Leichen aus Gräbern geklaut hat."
"Oh ja...stimmt...der Leichenräuber. Das hatte ich vollkommen vergessen." sagte ich mit betrübter Miene. "Aber egal, ich brauche deine Hilfe."
"Schon wieder?" fragte er und rollte genervt mit den Augen "Meinst du, ich hätte nichts Wichtigeres zu tun als mir ständig dein Gejammer anzuhören?"
Ich wollte schon aufbrausen, beruhigte mich aber wieder und winkte ihm näher zu kommen.
"Pass auf, es geht um..." sagte ich mit gedämpfter Stimme und zeigte auf meinen Unterleib.
"Warum flüsterst du? Hast du Angst es könnte jemand zuhören?" lachte er.
"Menno, irgendwie habe ich das Gefühl, da unten wäre nicht alles in Ordnung."
"Probleme beim Pinkeln?"
"Mach mich nicht wahnsinnig. Ich meine in sexueller Hinsicht. Körperlich ist NATÜRLICH alles Tip-Top aber irgendwie..."
"Irgendwie...?"
"Ja irgendwie fehlt mir immer mehr die Lust an solchen Dingen."
"Wie lange ist es her, dass du...Knick Knack?"
Ich zuckte mit den Achseln.
"Ich kann mich absolut nicht mehr dran erinnern."
"Warte..." sagte er und wollte einen etwas weniger verstaubten Karton öffnen "Zufällig haben wir das hier."
"Lass das...du SPANNER." zischte ich und schlug den Deckel wieder zu.
"Was willst du denn dann?" fragte er und hob resignierend seine Arme.
"Ich dachte, du könntest vielleicht...nun ja...irgendwo dran drehen. Die Testosteronausschüttung erhöhen oder sowas."
Er lachte.
"Und du glaubst, es ginge dir besser, wenn du mit einem Dauerständer rumläufst? Ich will dir mal was sagen. Ich selbst habe die Produktion auf praktisch NULL reduziert, damit das Elend erstmal ein Ende hat. Für was willst du permanent wuschig sein? Ich meine...du hast doch schon einen...ähm...Tennisarm."
Ich seufzte kurz und befühlte meinen schmerzenden Ellbogen.
"Jaaa...ok...da hast du ja recht aber mir fehlt die allabendliche Beschäftigung mit mir selbst. Verdammt, ich habe Probleme einzuschlafen." nörgelte ich.
"Da weiss ich ein prima Mittel. Lauf abends 3 Mal um den Block. Das hilft auch. Und jetzt lass mich bitte in Ruhe, ich habe zu tun."
Damit ließ er mich stehen und wackelte davon.
Ich sah ihm noch eine Weile hinterher und machte mich auf den Weg nach außen.
Auch wenn mir sein Ton nicht gefällt, er weiss eben immer noch am Besten, was gut für mich ist.

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