Wie ich so völlig in ein Buch vertieft auf dem Bett lag, die Welt um mich herum vergessen hatte und geistig vollkommen in die Geschichte eingetaucht, fühlte ich urplötzlich ein leichtes Ziehen hinter meinem rechten Auge.
Die Buchstaben verschwammen vor meinem Blick, wurden wieder scharf, verschwammen wieder, ganz so als versuche man ein Fernglas auf die richtige Schärfe einzustellen.
Und dann wurde mir schwarz vor den Augen.
Damit meine ich jetzt nicht, dass ich ohnmächtig wurde. Ich war hellwach, aber ich konnte nichts mehr sehen.
Da man aber üblicherweise nicht von Jetzt auf Gleich erblindet, hatte ich sogleich eine Ahnung wer dafür verantwortlich war.
Also tastete ich nach dem Buch, legte es beiseite und mich auf den Rücken und begab mich nach innen um meinen alten Freund und persönlichen Gehirnwartungsexperten zu suchen. Diesen kleinen Tausendsassa, der sich seit Jahren um meine internen Angelegenheiten kümmert, um all die Dinge, die ich nicht bewusst steuern wollte oder konnte.
Im Allgemeinen bin ich hochzufrieden mit ihm, auch wenn er gerne seine Kompetenzen überschreitet, mir gegenüber oft frech und aufmüpfig ist und sich manchmal in Dinge einmischt, die ihn nun wirklich nichts angehen.
Normalerweise ist er nicht leicht zu finden, denn auch wenn so ein Kopf von außen nicht wirklich groß ist, von innen beherbergt er ein ganzes Universum. Aber ich wusste ja wo ich ihn finden würde und ganz richtig fand ich ihn, wie er an meinen Sehnerven hantierte.
"Sag mal, spinnst du?" pflaumte ich ihn an. "Stell dir mal vor ich wäre gerade unterwegs gewesen als du meine Augen abgekoppelt hast. Ich könnte jetzt schon tot sein."
"Du warst aber nicht unterwegs sondern hast dich auf deinem Bett rumgelümmelt und gelesen."
"Das ist jetzt auch egal. Wann bist du fertig und wann kann ich wieder sehen?" fragte ich und wippte ungeduldig mit der Fußspitze.
"Lass mal nachdenken. Also zwei Stunden brauche ich sicherlich."
"WAS? ZWEI STUNDEN?" brauste ich auf.
Er hielt mir die beiden ausgefransten Enden eines abgekoppelten Sehnervs entgegen.
"Hier laufen ein paar Tausend Leiterbahnen durch, was glaubst du, wie lange es dauert, die wieder zusammenzuschustern. Und dann noch bei beiden Augen. Wenn ich sage es dauert zwei Stunden, dann war das eine sehr optimistische Aussage."
"Zusammenschustern. Es geht hier um mein Augenlicht und du sprichst von "zusammenschustern". Was mach ich jetzt so lange? Auf dem Bett liegen und ins Dunkel starren?"
"Ja, wenn es dir Spaß macht." sagte er "Du kannst aber auch hier bleiben und dir die Zeit vertreiben."
"Aha, und womit wenn ich fragen darf?"
Der deutete in eine Ecke.
"Da vorne findest du einen Besen. Hier liegt ne Menge Gerümpel herum. Wie wäre es wenn du ein wenig aufräumst?"
"Du spinnst wohl. Das ist dein Job und nicht meiner. Im Übrigen weiß ich schon was ich mache. Ich werde mich einfach ein wenig umsehen."
"Dann viel Spaß, ich gebe Bescheid wenn ich fertig bin." sagte er und begann die losen Nervenenden miteinander zu verdrillen.
Ich schlenderte so langsam das Rückenmark hinab und fand mich plötzlich, nachdem ich meine Blase begutachtet hatte, in meinen Hoden wieder.
Fingerdicker Staub lag auf dem Fußboden und als ich um eine Ecke bog, entdeckte ich ein Einstellrad und ein Schild mit der Aufschrift "Testosteron" darüber.
"Oh la la." sagte ich und kontrollierte die Menge der Ausschüttung. "Nur 0,002 mg/Sekunde. Das ist doch EINDEUTIG zu wenig."
Ich drehte das Rad solange nach rechts, bis sich die Ausschüttung bei 2 mg/Sekunde eingependelt hatte.
"Das sollte reichen." lachte ich und rieb mir die Hände.
Ich trieb mich noch eine Weile in meinem Unterleib herum, dann machte ich mich wieder auf den Weg um zu sehen wie weit meine Sehnerven waren.
"Gerade fertig geworden." meldete mein Gehirnwartungsexperte als ich zurück war. Meine Sehnerven waren dick mit Isolierband umwickelt und machten keinen Vertrauen erweckenden Eindruck.
"Und das soll jetzt halten?" fragte ich entsetzt, aber er winkte nur mit der Hand ab.
"Wenn du wüsstest, was ich hier schon unter schlimmeren Bedingungen zusammengeflickt habe..."
"Ja ja...schon gut." sagte ich und ging wieder nach außen.
Ich lag noch immer auf dem Rücken und starrte an die Decke, die ich nun aber klar und deutlich erkennen konnte.
Und noch etwas hatte sich verändert...
Ich spürte ein unglaubliches Klopfen und Pochen in meinem Unterleib und ich hätte nicht erst die Beule in meiner Hose sehen müssen um zu wissen was da los war.
"Ja hallo." grinste ich. "Was fang ich denn jetzt mit dir an?"
Da ich alleine war und das Pochen immer stärker wurde, tat ich, was ein Mann in solchen Situationen eben tut und als ich dann endlich keuchend und schweißgebadet fertig war, dachte ich, die Sache wäre für hier und jetzt erledigt.
Ich rollte mich auf den Bauch und wollte gerade ein Nickerchen machen, als mein Unterleib wie von einer Hydraulik angehoben wurde.
Ich drehte mich wieder auf den Rücken und legte noch einmal los.
"So, das wars jetzt aber wirklich." sagte ich anschließend und deckte mich erschöpft zu.
Minuten später sah ich aus den Augenwinkeln wie sich meine Bettdecke zeltförmig ausbuchtete.
"Oh nein...nicht schon wieder."
Ich ging an den Kühlschrank und machte mir einen Eisbeutel zurecht und drückte ihn gegen meinen erhitzten...naja...dagegen halt.
Zischend schmolz das Eis und hinterließ einen großen nassen Fleck auf meiner Matratze.
Ich rollte mit den Augen und ergab mich in mein Schicksal.
Einige Stunden später konnte ich nicht mehr. Die bloße Berührung der Unterhose verursachte ein unerträgliches Brennen und rotgeschwollen lag...nein STAND er schon wieder vor mir.
Ich bekam es mit der Angst zu tun.
So schnell es ging begab ich mich wieder nach innen und hastete zur Testosteron-Produktion.
Dort stand mein kleiner Gehirnwartungsexperte und betrachtete kopfschüttelnd die Anzeigen.
"2 mg pro Sekunde? Sag mal, bist du von allen guten Geistern verlassen? Soviel produziert nicht mal eine Horde scharfer Affen in einer ganzen Nacht."
"Stell es ab...stell es sofort ab. Und zwar ganz." brüllte ich, denn laut der entsprechende Anzeige war der Hodendruck bereits über den roten Bereich hinaus angestiegen. "Stell es ab, oder es gibt eine Katastrophe."
Gemütlich drehte er das Rad wieder in die Ausgangsstellung zurück.
"So, der Druck steigt nicht mehr. Aber von alleine fällt er auch nicht. Ich fürchte, da wirst du noch mal ran müssen."
"Auf gar keinen Fall." jammerte ich.
"Also los, Augen zu und durch. Du machst das schon." sagte er und klopfte mir hämisch grinsend auf die Schulter. "Und lass in Zukunft deiner Finger von Dingen die du nicht verstehst."
Er drehte sich um und wackelte davon.
Ich machte mich ein letztes Mal daran und ließ endlich den Druck ab.
Und es war ein hartes und schmerzhaftes Stück Arbeit.
Am Abend kam Tabea zu Besuch. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Wir verbrachten ein paar romantische Stunden und gingen schließlich ins Bett.
Tabea begann mich zu küssen. Ihr Atem ging hörbar schneller.
"Heute nicht, Liebling." sagte ich und drehte mich von ihr weg. "Ich habe Migräne."
Ich knipste das Licht aus und tat als wäre ich schon eingeschlafen, bevor sie auch nur ein einziges Wort sagen konnte.

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